top of page
NEAN SITE LOGO.jpeg

NeanSite

1

Bloß weil die weltbeherrschende Art keine zufällige, sondern eine sinnvolle Existenzberechtigung anstrebt, heißt es
deswegen lange nicht, dass ihre eigene Version der Evolutionsgeschichte, die sie als vorherbestimmtes Schicksal deutet, den
tatsächlichen Ereignissen entspricht.

2

Aufgrund unseres menschlichen Wissens, dass Lebensformen sich entwickeln und aussterben, nehmen wir es für
selbstverständlich, wir seien für unser Überleben zuständig und befähigt worden.
Indem wir uns an unsere sich stets ändernden Umstände anpassen können, was die anderen Arten, die dem evolutionären Zufall völlig ausgeliefert waren, nie vermochten, wähnen wir uns überlegen und freier. Unsere Klischees von Glück und Freiheit, an denen sich die Massen ergötzen, stammen von diesem großen Missverständnis, dass die Zivilisation Fortschritt macht, während die Natur stagniert. Das Selbstbewusstsein der Menschen bedeutet, man ist sich eines Vorsprungs bewusst, den die übrigen Arten weder hatten noch haben. In der Tat ist dieser Vorsprung wohl vorteilhaft. Ist es aber vernünftig anzunehmen, bzw. glauben zu wollen, dass er hauptsächlich Vorteile enthält?

3

Anders als wir, konnten sich die Dinosaurier gegen den Klimawandel nicht wehren. Aber genau wie sie sind wir von der Fortdauer unserer Art so fest überzeugt, dass wir uns Zeit lassen, sogar wenn es in der gesamten Umwelt kriselt, etwas Entscheidendes für die Artenvielfalt zu unternehmen. Die Dinosaurier hatten sich auf bestimmte Lebensbedingungen zu lange und zu erfolgreich eingestellt, dass es für sie in kurzer Zeit hätte möglich werden können, sich grundsätzlich zu ändern. Sie wurden Opfer ihres Anpassungsvermögens.

4

Wenn es für die Dinosaurier zu spät und zu knapp wurde, sich in andere Richtungen zu entwickeln, ist die Tatsache nichtanzuerkennen, dass auch wir, nicht nur sie, Opfer unseres Anpassungsvermögens werden können. Die Frage lautet also: Woraus besteht das spezifische Anpassungsvermögen, das uns bedroht, in bestimmten Richtungen so erfolgreich entwickelt worden zu sein, dass dieser (sozusagen überschüssige) Erfolg, wenn unvorhergesehene Lebensbedingungen auftreten, zu einem Misserfolg führen muss? Es besteht aus akzeptierten Gewohnheiten, die zu herkömmlichen Normen erstarrten. Welche sind dann diese Normen, die unserem Anpassungsvermögen seinen Inhalt geben? Und wenn wir uns im Umgang mit diesen Normen sicher fühlen, sollten wir dem verbundenen Geborgenheitsgefühl trauen?

5

Ich nenne die mit der Zivilisation entstandenen Werte, womit wir unseren scheinbar erprobten Abstand von der Natur
verharmlosen, verteidigen und verherrlichen: Bausteine der Bewusstseinskultur (oder: conscience culture). Wissen bedeutet für uns, dass wir ein Selbstbewusstsein pflegen, wodurch Klarheit über unsere Wünsche und Zwecke erlangt wird. Indem sich dieses Selbstbewusstsein auf die weltbeherrschende Art, d.h. auf Gruppierungen und Individuen, fokussiert, erzeugt es eine immer größer werdende Abgrenzung. Autonomie und Abstand sind aber immer relativ; das Selbstbewusstsein, sei es stärker kollektiv oder individuell, gestaltet, erlebt und orientiert sich in einem Feld von Gegensätzen, die die anderen Arten abgrenzt, dennoch nicht ganz ausschließt. Der Mensch definiert sich auf Grund empfundener Gegensätze, nicht ohne diese; also meistens im Gegensatz zum Tier, aber manchmal auch animalisch. Ja, er allein, der Sprachen erfindet und verwendet, kann logisch denken und argumentieren. Andere Eigenschaften, etwa das Einfühlungsvermögen, das Lachen und das Weinen, die ihn kennzeichnen, sind lange nicht als rein menschlich bewiesen.


Freilich sehen wir in der Bewusstseinskultur Gewinne und Vorteile, dagegen sind gerade diese Gewinne und Vorteile auch eine Bedrohung für die Zivilisation, die sie nötig hat. Die Moral führt zur Anerkennung und Achtung, aber sie verführt zur Heuchelei. Die Klarheit des logischen Denkens vertieft Kenntnisse, dennoch blendet sie das Verständnis durch unendliche Begründungen und Rechtfertigungen. Dieselbe Gefahr droht also den Arten in der Natur und der für die Zivilisation zuständigen weltbeherrschenden Art: Zu viel Erfolg verwandelt sich in Misserfolg und unaufhaltsamer Misserfolg löst das Aussterben aus.

Nean?

Text dazu im PDF:

6

Sterben und Aussterben sind organische Vorgangsweisen, keine Kausalprinzipien, die das menschliche Denken entziffern könnte. Ohnehin freuen sich etliche Menschen über logische Argumente für deren Unsterblichkeit und fühlen sich durch die Zivilisation bestätigt und verewigt. Andere nehmen sogar tapfer hin, dass ihre Art irgendwann aussterben wird, weil diese plausible Schlussfolgerung dank eines logischen Verfahrens gezogen wird, aber nicht zu ihren Lebzeiten und der ihrer Kinder und Kindeskinder, sondern (etwas) später. Wer denkt ernsthaft darüber nach, das Aussterben der menschlichen Wesen sei zu einem gewissen Zeitpunkt fällig und werde erlebt?

7

Wenn das Aussterben der menschlichen Wesen unabwendbar ist, betrifft dieses Aussterben alle Erzeugnisse der
Zivilisation,
einschließlich ihrer schönsten Leistungen: Mathematik und Wissenschaft, Kunst und Musik, Literatur und Philosophie.

8

Wer denkt ohne Weiteres darüber nach, dass das Aussterben der menschlichen Wesen in nicht allzu ferner Zukunft fällig wird und dass gerade dieses Aussterben unter anderem die Mathematik und die Wissenschaft, die Kunst und die Musik, die Literatur und die Philosophie unvermeidlich betrifft? Wer erwähnt solche Möglichkeiten, um das heikle Thema schnell abzuschließen, anstatt darüber weiter nachdenken zu müssen?

9

Der Energieerhaltungssatz der Physik kann uns vielleicht mit diesen Fragen helfen (oder nicht). Das Prinzip erläutert, weil Energieformen sich ineinander umwandeln, geht keine Energie verloren. Es sind also Formen, die zerstört werden, nicht aber die Energie. Trotzdem, wie kann man sich vorstellen, dass ein Musikstück seine verschollene einzige Partitur überlebt, dass ein auf Papier geschriebenes oder im Buch erschienenes Gedicht irgendwie woanders ablesbar bleibt, wenn kein originales Manuskript und keine Kopie des Textes weiterbesteht? Wer stellt sich vor, wie die wertvollsten Schätze der größten Museen der Welt organisch vermodern werden? In der Physik verwandelt sich alles und nichts geht verloren. Und in der Zivilisation, bzw. am Ende der Zivilisation?

10

Der Verwandlungsprozess aller Energieformen stellt den peinlichen zivilisatorischen Kernbegriff des Selbstbewusstseins, der Individualität und des Existenzzwecks infrage. Sein ist bloß Erscheinungsmodus der Übergangsformen; Werden beinhaltet und verfrachtet die Lebensenergie.

11

Was ich mir vorstellen mag, ist eine Art Rechtsstaat ohne Staatsapparat und Gesetzgebung, die demokratisch von all seinen Mitgliedern abhängt. Bevor der Homo Sapiens die Sprache ausgiebig (bzw. übermäßig) entwickelte und sie zweifelsohne zu seinem giftigsten Werkzeug erhob, verfügten die Neandertaler über dürftige Kommunikationsmittel; nichtsdestotrotz hinterließen sie Kunstwerke, deren symbolische und philosophische Ausstrahlung keine spätere Kunst übertrifft. Indem es nichts gibt, was es nicht gibt, gibt es auch wohl intelligente und gut gebildete Konzeptkünstler; aber einem Konzeptkünstler, der intelligenter und besser gebildet als ein Neandertaler wäre, dem bin ich noch nie begegnet, denn die Bildung der Neandertaler, was sie von Landschaften, Tieren, Pflanzen und Wetteranlagen verstanden, übertrifft alle Gelehrsamkeit. Indem sie im Einklang mit der Natur lebten, ergab sich ein Wissen aus schweren Umständen, die hingenommen wurden, während unser Wissen, das mit einer systematischen Ausbeutung der Natur vorgeht und die Bequemlichkeit begünstigt, sich prinzipiell gegen die Härte natürlicher Lebensumstände auflehnt.

12

Zwar bin ich prozentuell mehr Konzeptkünstler als Neandertaler, aber ich träume von ihren Gemeinschaften. Diejenigen, die nähen konnten, fertigten Kleider, die alle wärmten. Diejenigen, die sammeln oder jagen konnten, brachten Nahrung, die alle benötigten. Diejenigen, die kochen konnten, bereiteten die Nahrung vor, die alle verzehrten. Diejenigen, die malen konnten, drückten Gedanken aus, die alle bestaunen konnten. Ob Mann oder Frau, ob jünger oder älter. Wie hätte der Mann oder die Frau, der oder die die Werkzeuge erfand oder herstellte, der Gruppe weniger wichtig sein sollen als die Männer oder Frauen, die diese Werkzeuge benutzten? Irgendwann ersetzte eine Hierarchie diese Freiheit der vorhandenen Ergänzung: eine Demokratie des Könnens und Teilens.

13

Folglich setzten sich hierarchische Gliederungen durch und damit ereignete sich ein sofortiger Zivilisationszerfall, den man allerdings Zivilisation und Geschichte nennt. Keine Chance auf Bescheidenheit und Zufriedenheit. In der Bronzezeit wurden politische Maßnahmen für die Menschheit endgültig ergriffen, die Macht durch Krieg erzielten. Ja, das ist richtig, Nean steht für Neandertaler und ist die für meinen Künstlerspitznamen geltende Abkürzung. Jawohl, eine Webseite ist nicht besonders prähistorisch, aber trotzdem: Willkommen zu meiner elektronischen Höhle!

14

Dass sich jemand im eigenen Leib unwohl fühlt und eine selbstbestimmte geschlechtliche Identität verlangt, kann ich mir vorstellen, denn Frauen finde ich weiser und zurechnungsfähiger als Männer. Meinetwegen sollten sie systematisch höhere Löhne und mehr Verantwortungsposten als alle Testosteron-Clowns erhalten. Nichtsdestotrotz stört es mich nicht im Geringsten, dass ich ein Mann bin. Mein Problem ist evolutionär, nicht geschlechtlich. Vorwiegend wegen des Klimawandels wünsche ich mir schon einen anderen Körper, dennoch den eines Neandertalers in der hitzefreien Eiszeit.

15

Erzeugt und geboren werden bedeutet einen totalen Kontrollmangel. Wo, wann, wie, warum und von wem wir erzeugt und geboren wurden, sind Fragen, die die Geborenen lange nach der Geburt erst stellen können, aber nie davor. Niemand hat gewählt, wo, wann, wie, warum und von wem irgendwer jemand geworden ist. Die fehlende Kontrolle über unsere Herkunft ist also unsere einzige wahre Herkunft. Es gibt zwar freiwillige Patrioten, die für die Heimat schwärmen und patriotischen Blödsinn schüren; nichtsdestotrotz passierte ihre Herkunft genauso unfreiwillig wie die der unpatriotisch Gesinnten. Aus dem Passivzustand der unfreiwilligen Herkunft wird ironischerweise ein Zugehörigkeitsgefühl gebildet, das bei den meisten kaum gestört gedeiht, als ob sie nie etwas anders gewollt hätten, bzw. da sie nie etwas anders hätten wollen können. Bei mir nicht, danke.

16

Die hellste Sternstunde meines Lebens war mit elf, als mir gesagt wurde, ich dürfe Englisch und Deutsch in der Schule lernen, im ersten Jahr eine dieser zwei Sprachen und danach beide. Ein einziges Wort Englisch oder Deutsch hatte ich nie gehört und ich wusste so gut wie nichts über den deutschsprachigen und den englischsprachigen Raum; ohnehin wurde meine englisch-deutsche Epiphanie wegen dieses schweren Defizits nicht vereitelt. Zwar verfasste ich meine ersten Gedichte in der Muttersprache (Französisch), aber sie bezogen sich auf ein fremdes fernes Land: Kirgisistan. Ich dachte mir Landschaften und Stimmungen aus, die mir so bezaubernd vorkamen, wie der Klang des exotischen Wortes Kir-Gi-Sis-Tan! Leser hätten erraten können, meine Urahnen kämen aus Kirgisistan und ein starkes Gespür für meine Wurzeln verfolgte mich. Ich bin sicherlich kein Kirgise. Aber „ein bisschen Deutsch“, wie meine deutschen Freunde sagten, bin ich gern. Sogar chinesische Freunde haben es einmal so weit gebracht, schwere Arbeit, mir es zuzugeben: „Du bist ein bisschen Chinese.“ Ja, bitte. Bitte! Mit meinen Interessen geht es auch so, Kunst und Literatur und Philosophie (und und und), aber nicht Kunst allein oder nur Philosophie oder nur Literatur, oder nur Deutscher oder Engländer oder Inder oder... Sonst noch Fragen?

 

Nean

Ötztal, Tirol

27. 01. 2024

21 03 2021 NJP10.jpg

W.I.M.Z.
aka NEAN,
LEBENSBESCHREIBUNGEN

0
Wenn es tatsächlich reiner Zufall war
, dass das Leben auf unserem Planeten entstanden ist, dann hört der Zufall der
Lebensentstehung mit der Dauerhaftigkeit und Zukunftsfähigkeit des Lebens eben nicht auf.

bottom of page